Traditionelle Europäische Medizin (TEM) wird selbstbewusster

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Freitag, 01. Juli 2011

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Medical Tribune

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Die Druidenfaust vor dem Mentalzentrum

NOCH GROSSE SCHÄTZE ZU HEBE

Das „Yoga“ der Druiden wird heute noch, traditionell überliefert, von einigen wenigen Familien in Irland ausgeübt. „Die keltischen Medizinmänner haben Wyda täglich praktiziert, nicht nur, um Muskeln und Sehnen zu ertüchtigen, sondern weil die Übungen eine komplexe Wirkung hatten“, weiß Dr. Martin Spinka, kurärztlicher Leiter der drei oberösterreichischen Kneipp Traditionshäuser Aspach, Bad Kreuzen und Bad Mühllacken der Marienschwestern vom Karmel.

Wyda will Körper, Seele und Geist in Einklang bringen, indem an drei verschiedenen Körperregionen (Bauch, Brust und Kopf = Vital-, Emotionalund Mentalfeld) gearbeitet wird. So kräftigt z.B. die „Hasenübung“, die am besten vormittags und in der Nähe von Blüten und fließendem Wasser gemacht wird, das Emotional- und Vitalzentrum, verstärkt positives Denken und eignet sich besonders für Menschen, die freud- und antriebslos sind. Laut Überlieferung mussten die Druiden die Übungen jahrelang machen, um die nächste Stufe zu erreichen.

„Aber es hat sich ausgezahlt“, meint Dr. Spinka, sie seien im Schnitt doppelt so alt geworden wie die Normalbevölkerung. Das ist auch der Grund, warum während der Christianisierung die keltischen Medizinmänner häufig als Hexer und Magier bestraft wurden und die Wyda-Gesundheitsgymnastik heute kaum mehr bekannt ist. Es klingt fast nach einer Ironie der Geschichte: Just die Marienschwestern gruben das alte Wyda-Wissen wieder aus.

Ihr Kneipp Traditionshaus Bad Kreuzen, nach eigenen Angaben „Spezialist für TEM“, bietet Wyda seit Jahreswechsel für seine Kurgäste an, ab Mitte des Jahres auch für externe Gäste. Die keltische Heilgymnastik ist aber nicht das Einzige, mit dem die TEM in puncto ganzheitliche Bewegung aufwarten kann. Dr. Spinka erinnert etwa an die Kunst der Leibesübung in den griechischen Gymnasien. Oder an die Kultur des Bogenschießens, ebenfalls in vielen Kulturen verankert. Dazu erzählt der Kurarzt vom „Brief des Toxophilus“: Im 16. Jh. empfiehlt ein Engländer (Roger Ascham) seinem König einen Erlass, demnach jeder einen Bogen und drei Pfeile besitzen und täglich benutzen solle. Nicht nur, damit er dann im Krieg besser trifft, sondern weil er dadurch körperlich fit bleibt.

„Das Bogenschießen ist extrem gut für die Gesundheit“, erklärt Dr. Spinka. Traditionelle Bögen (Recurve, Langbogen) regen die interskapuläre Muskulatur an. Bogenschießen fördert außerdem die Konzentration, ist ein Herz- Kreislauf-Training (Parcoursschießen), und es gibt dafür kaum körperliche Grenzen.

Arzt ohne Arzneien, Labor & Röntgen hilflos

Natürlich war auf dem TEMSymposium auch von bekannteren Namen und ihren Heilmethoden zu hören, wie von Hippokrates, Claudius Galenus, Paracelsus, Hildegard von Bingen oder Sebastian Kneipp.

So unterschiedlich sie alle sind, gemeinsam ist ihnen die Betrachtung des Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist, während im Zentrum der schulmedizinischen Diagnose und Therapie oft nur einzelne Organe stehen. Das sei auch der Allgemeinmedizinerin und Notärztin Dr. Petra Maria Orina Zizenbacher zu wenig gewesen: „Wenn mir als Arzt Labor, Röntgen und Apotheke weggenommen wird, bin ich hilflos“, bringt es die Medizinerin auf den Punkt. Darum hat sie sich mit ihrer Wiener Praxis einen Wunschtraum erfüllt, indem sie das Wissen aus dem Studium mit Naturheilkunde verbindet.

Eine ähnliche Motivation, nämlich altes und modernes Wissen zu verbinden, legt Mag. pharm. Dr. Angelika Prentner an den Tag. Die Leiterin der Apotheke „Zur Gnadenmutter“ im obersteirischen Mariazell beforschte in Südamerika und Mexiko dortige Pflanzen, dissertierte darüber und hatte eine Post-Doc-Stelle an der Universität Bern, Department of Clinical Research, inne. Ihre Erkenntnisse: Die peruanischen Kräuter und Pflanzen beispielsweise seien zwar in vielerlei Hinsicht hochwirksam, „aber sie passen nicht ganz zu uns“.

Sie hat sich deswegen auf einheimische Heilpflanzen spezialisiert. Insgesamt war der Tenor der Veranstaltung, dass weder Schulmedizin mit ganzheitlichen Methoden noch diese untereinander konkurrieren sollen. „Das eine kann und soll das andere nicht ersetzen“, betont Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Präsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED), bei der Eröffnung des Symposiums. Die GAMED vertritt laut Prof. Marktl daher keine „alternative“ Medizin, sondern eine „integrative“ Medizin, die nicht teilt, sondern verbindet: „Wir schauen, welche Methode – und das selbstverständlich unter Einfluss der naturwissenschaftlichen Medizin – für welchen Patienten in welcher Phase das Vernünftigste ist und wie wir das kombinieren können.“

Und über TCM, Ayurveda etc. sollte man nicht vergessen, dass auch Europa ein altes Heilgut habe. Prof. Marktl ging auch auf die mehrmals aufgeworfene Frage ein, was TEM überhaupt ist und welche Methoden darunter zu subsumieren sind. Die Antwort ist, dass es darauf noch keine eindeutige Antwort gibt. Die Kneipp-Lehre mit ihren fünf Säulen (Lebensordnung, Heilpflanzen, Ernährung, Bewegung sowie Wasser & Wickel) decke jedenfalls alles ab, was für die Gesundheit wichtig ist, und sei daher ein gutes Beispiel für TEM.

Derzeit läuft eine europäische Initiative, für die die GAMED den Boden aufbereitet. Bis Ende 2012 wird eine Übersicht erstellt, was alles zur Integrativmedizin bzw. Ganzheitsmedizin gehört. Diese soll dann ab dem 8. EU-Forschungsprogramm auch gefördert werden, informiert Prof. Marktl.

Mag. Anita Groß

Beitrag veröffentlicht in: Medical Tribune


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