Traditionell europäisch heilen

Verfasser

Dietlinde Hebestreit

Beitrag vom

Mittwoch, 21. März 2012

Veröffentlicht in

Oberösterreichische Nachrichten

Funktionen

Beitrag drucken

Zurück zur Übersicht

Zurzeit sind keine Nachrichten vorhanden.

Die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) greift auf oft Jahrhunderte alte Weisheiten und erprobtes Wissen zurück. In Bad Kreuzen wurde ein neues TEM-Zentrum eröffnet.

Aus einer der drei Ellbogen-Venen rinnt Blut durch einen Schlauch in ein Glasgefäß. An der mittelalterlichen Methode des Aderlasses hat sich seit der Zeit von Hildegard von Bingen (1098– 1179) nur die Gerätschaft verändert. Ob diese Methode noch zeitgemäß ist, beantwortet Martin Spinka mit Ja: „Der Aderlass hat therapeutische Wirkung und eignet sich auch zur Diagnose. Übrigens verwendet die Schulmedizin den Aderlass ebenfalls, wobei die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) ihn auch bei anderen Krankheitsbildern einsetzt.“ Für den kurärztlichen Leiter der Kneipp-Traditionshäuser der Marienschwestern vom Karmel sprechen viele Argumente dafür, sich nach TEM behandeln zu lassen: „Wir Europäer sind das Schloss, und TEM ist der Schlüssel dazu. Die Schulmedizin kümmert sich vor allem um den körperlichen Teil. Wir müssen aber auch an die Emotionen des Menschen gelangen, dafür braucht man Zeit. Jeder Patient wird individuell behandelt.“

Spiritualität hilft bei der Heilung

Christliche Spiritualität spiele eine wichtige Rolle, auch wenn Menschen, die sich nach TEM behandeln lassen, nicht unbedingt Christen sein müssen. „Die bei uns gewachsene Philosophie entspricht Menschen, die bei uns leben, am besten“, so Spinka. Deshalb sei TEM für Mitteleuropäer auch besser geeignet als Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), deren emotionaler und spiritueller Hintergrund aus einer anderen Kultur stamme. „Ein Kraut, das bei uns wächst, ist denselben Umwelteinflüssen ausgesetzt wie der Mensch, der hier lebt. Und dieser entwickelt deshalb die passenden Abwehrkräfte“, sagt Spinka.

„In Bad Kreuzen haben wir das erste Zentrum für TEM in ganz Europa eröffnet, das Lehre, Forschung und Anwendung bietet. Ich bin aber davon überzeugt, dass weitere folgen werden“, so Spinka.

Gänseblümchen mit dem Mund pflücken und essen

Es klingt kurios, doch Kurarzt Martin Spinka hat es letztes Jahr das erste Mal erfolgreich ausprobiert und will es heuer wieder tun: „Es heißt, wenn man die ersten fünf Gänseblümchen, die man im Frühling sieht, mit dem Mund pflückt und isst (naturbelassene Wiese), so schützt das ein ganzes Jahr vor Krankheiten.“ Gänseblümchen reinigen und schützen nach Traditioneller Europäischer Medizin die Leber. Sie helfen, den „Dreck vom Winter“ loszuwerden.

Die TEM-Diagnostik

Die TEM bedient sich mehrerer Diagnoseverfahren:

Segment-Diagnostik: Unter einem Segment versteht man den Raum zwischen zwei Wirbeln, der jeweils für eine andere Region im Körper (z.B. den Magen) steht. Der TEM-Arzt tastet dabei nicht nur den Rücken ab, sondern schaut sich auch die Haut ganz genau an.

Iridologie: Sie wird fälschlich auch als Irisdiagnostik bezeichnet. „Es handelt sich um keine Methode zur Diagnose. Die Iris gibt jedoch Hinweise auf die Grundkonstitution des Patienten. Dabei spielt etwa die Augenfarbe eine Rolle“, sagt Spinka. „Ich kann nicht aus der Iris lesen, dass eine Patientin Brustkrebs hat. Sehr wohl kann ich aber sagen, dass zum Beispiel die linke Brust belastet ist und untersucht werden sollte“, so der Mediziner. An Veränderungen der Iris lassen sich vor allem langfristige Entwicklungen ablesen.

Zungendiagnostik: Mit der Beobachtung der Zunge lassen sich rasche Veränderungen – zum Beispiel die Entwicklung bei Verdauungsproblemen – nachvollziehen. Diese Diagnostik eignet sich deshalb besonders gut für Verlaufskontrollen, bei denen die Entwicklung einer Krankheit beobachtet wird.

Nageldiagnostik: Bis zu hundert Tage zurück lässt die Nageldiagnostik blicken. Sie gibt Auskunft darüber, was im Körper in diesem Zeitraum passiert ist, zum Beispiel wann der Patient eine Darm- oder Lungenentzündung gehabt hat. „Wir kümmern uns dann darum, warum eine Krankheit ausgebrochen ist“, sagt Spinka, „denn wir gehen davon aus, dass alle Krankheiten einen emotionalen Ursprung haben.“ Wichtiger als der Erreger sei das Terrain. Erst nach eingehender Diagnose stellt der TEM-Arzt die passenden Therapien zusammen. In Frage kommen verschiedene Massagetechniken, Wickel und Wasseranwendungen, Kräuterbehandlungen sowie Bewegung (Wyda-Gymnastik, Bogenschießen, Fitnessraum, Schwimmen im Hallenbad oder im Schwimmteich, Wandern). Immer spielt individuelle Ernährung eine Rolle, und auch der Einsatz von Düften gehört zum Programm. Ein wichtiges Thema ist Spiritualität. Besucher haben die Möglichkeit, Messen in der Kapelle zu besuchen, sich an Meditationsabenden und Gesprächsrunden zu beteiligen „Wir sind nicht in Richtung Wellness unterwegs und bieten ganz bewusst keine Attraktionen“, stellt Spinka klar. Man könne zwar ein paar Tage in Bad Kreuzen „hineinschnuppern“, effektiv seien TEM-Behandlungen jedoch erst ab mindestens einer Woche Aufenthalt.

Behandlung je nach Temperament

Die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) kennt vier Temperamente. Je nachdem, welches vorherrscht (Menschen sind immer Mischtypen), stimmt der TEM-Arzt die Behandlung ab.

 
Sanguiniker: Er ist aktiv, offenherzig, energiereich und meistens optimistisch und lebensfroh. Er ist nicht nachtragend und tut, was ihm Spaß macht.
Stärkung der Konstitution: kühle Anwendungen wie Brust- und Leberwickel, Ganzkörperabreibungen mit Traubenkern- und Melissenöl.
Verzicht auf: zu viel süß und fett, tierische Lebensmittel, süßen Alkohol.
 
Choleriker: Er hat ein hitziges Wesen, zeigt Führungsqualitäten, neigt zu Übertreibungen, Gefühls- und Wutausbrüchen, ist extrovertiert, aber oft auch unkontrolliert. Stärkung der Konstitution: kühlende und beruhigende Anwendungen. Massagen mit Distel-, Mandel- und Lavendelöl.
Verzicht auf: zu viel tierisches Eiweiß, Alkohol, scharfe Gewürze und fette Speisen.
 
Phlegmatiker: Genuss ist ihm wichtig. Er ist verlässlich, kann Dinge vollenden, jedoch selten initiieren. In Gang zu kommen bereitet ihm Probleme, wenn er „läuft“, dann beharrlich und mit Energie.
Stärkung der Konstitution: wärmende und trocknende Anwendungen, warme Brustwickel. Bauchmassagen mit Leindotteröl, Ringelblumensalbe.
Verzicht auf: zu viel Süßes, Milch, Vollkorn, Südfrüchte, Schweinefleisch, zu viele Kohlehydrate.
 
Melancholiker: Er ist ein Mahner und Vieldenker, schätzt Schönheit und Intelligenz, ist eher introvertiert. Er neigt zum Grübeln und zu Pessimismus, rafft sich schwer zu einer Aktivität auf.
Stärkung der Konstitution: warme Anwendungen wie warme Brustwickel und Leberwickel. Heilerde in Wasser am Morgen lindert Magen-Darm-Beschwerden. Massagen mit stärkendem Zedernnussöl.
Verzicht auf: Tiefkühlkost, Rohkost, schwer Verdauliches, zu viel Salz und Zucker.
 

Auch Homöopathie gehört zur TEM

„Alles, was länger als drei Generationen zurückliegt und sich erhalten hat, zählt nach Definition der UNESCO zur Traditionellen Europäischen Medizin“, sagt Martin Spinka. Demnach gehört auch die von Samuel Hahnemann entwickelte Homöopathie dazu. Der deutsche Arzt arbeitete ab 1796 nach dem Ähnlichkeitsprinzip „Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt“. Heute besonders populär sind die Globuli, bei denen verschiedene Stoffe in extrem großer Verdünnung enthalten sind.

Natur pur: Heilung durch Aromen und Pflanzen
Der Ausspruch von Sebastian Kneipp „Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“ unterstreicht die Bedeutung von Pflanzen in der TEM. Diese geben im Körper Impulse, die Selbstheilungskräfte ankurbeln. Enthalten in Massageölen, Pflanzentropfen oder -elixieren sowie Heiltees.
Bei der Aromatherapie kommen naturbelassene ätherische Öle zum Einsatz. Düfte haben direkten Zugang zum Gefühlszentrum im Gehirn, können zur Heilung beitragen.
 

Quelle: OÖ Nachrichten, 21. März 2012, Dietlinde Hebestreit http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/Traditionell-europaeisch-heilen;art114,840785


Zurück