Pflanzen und ihr Heilwesen

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Montag, 01. August 2011

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Pharmaceutical Tribune

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Pflanzen sind mehr als nur die Summe ihrer Inhaltsstoffe

Pflanzen sind in der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) mehr als nur die Summe ihrer Inhaltsstoffe – sie haben ihr spezielles eigenes Wesen. Selbst wie eine Pflanze ausschaut, hat laut „Signaturenlehre“ Einfluss auf ihre Wirkung, wie auf dem 1. Symposium für TEM zu erfahren war.

„Heilpflanzen haben in der TEM schon immer eine große Rolle gespielt, v.a. für die Genesung“, unterstreicht Mag. pharm. Dr. Angelika Prentner auf dem 1. TEM-Symposium in Linz, das kürzlich vom Kneipp Traditionshaus Bad Kreuzen der Marienschwestern vom Karmel veranstaltet wurde. Die Leiterin der Apotheke „Zur Gnadenmutter“ in Mariazell, Steiermark, beschäftigt sich seit ihrem Studium mit Heilpflanzen und freut sich, dass das „lange verschollene“ Heilwissen in Europa langsam wieder ins Bewusstsein der Menschen rückt.

Einer der Gründe für das Versinken der alten Schätze war, dass das indigene Heilsystem, die Volksmedizin, immer nur mündlich tradiert wurde – sozusagen von Hausfrau zu Hausfrau.

Erst im 12. Jahrhundert begann mit der Benediktinerin Hildegard von Bingen die schriftliche Dokumentation. „Sie hat als Erste die zwei nebeneinander bestehenden Heilsysteme zusammengeführt“, erzählt Dr. Prentner, also die Volksmedizin mit dem Heilsystem der Gelehrten, das wesentlich von der arabischen bzw. antiken Medizin beeinflusst war. In der TEM wird eine Heilpflanze ganz anders angeschaut – und zwar sprichwörtlich.

„Für die Schulmedizin ist die Pflanze Material, das auf Inhaltsstoffe untersucht wird. Die Wirkung der isolierten Hauptwirkstoffe wird dann in In-vitro- und In-vivo-Studien überprüft“, so die Doktorin der Naturwissenschaften. „Die Pflanze in der TEM“, setzt sie fort, „ist dagegen ein lebendes System mit Hauptund Nebenwirkstoffen, die in ihrer Wirkung zusammenspielen – wie in einem Orchester.“ Die Pflanze habe sogar eine „Pflanzenseele“ bzw. einen „Pflanzengeist“. Deswegen könne sie nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die psychische sowie geistige und seelische Ebene wirken, wie es z.B. Räucherstoffe oder unterschiedliche Potenzen in der Homöopathie tun. Zusätzlich deuten die „Signaturen“ einer Pflanze, quasi als Zeichen der Natur, auf ihre jeweilige Wirkung. Daher wird die Pflanze genau betrachtet: Wo wächst sie? Wie ist das Klima, der Boden, die Sonneneinstrahlung? Wie schaut die Pflanze aus? Ist es eine Sonnenpflanze, eine Mondpflanze etc.? Als Beispiel bringt die Pharmazeutin die Königskerze. Die hochwachsende Sonnenpflanze, die als Schleimlöser in Hustentees und Hustensäften bekannt ist, wirkt wärmend und hat eine aufrichtende Kraft.

Vier Grundelemente

Neben der Signaturenlehre geht Dr. Prentner auch auf die „Säftelehre in der Humoralpathologie“ ein. Demnach repräsentieren die Säfte im Organismus die vier Grundelemente der Natur:

* Sanguis: Blut – Luft (Qualität: warm, feucht)
* Phlegma: Schleim – Wasser (kalt, feucht)
* Cholera: Gelbgalle – Feuer – Leber (warm, trocken)
* Melancholera: Schwarzgalle – Erde – Milz (kalt, trocken)

„Sind diese vier Säfte im Gleichgewicht, kann der Körper auf äußere und innere Einflüsse und Informationen richtig reagieren“, führt die Apothekerin aus. Wenn nicht, könne dies zu Problemen bis hin zu Krankheit führen. Ein Phlegmaüberschuss entstehe z.B., wenn sich der Schleim nicht löst. Heilpflanzen haben nun eine Wirkung auf die vier genannten Funktionsprinzipien.

So ist die auch in der Schulmedizin bekannte Pfefferminze eine gute Leber-Galle-Pflanze. Sie ist in vielen Frühstückstees enthalten – aber nicht für jeden geeignet, weil sie, so wie grüner Tee, kühlend ist. „Viele brauchen in der Früh aber etwas Wärmendes, um in die Gänge zu kommen“, erläutert Dr. Prentner und berichtet von einer Dame, die immer über kalte Hände und Füße, Hypotonie, Kreislaufprobleme klagte. Grund war, wie sich herausstellte, dass sie täglich ein bis zwei Liter Pfefferminztee getrunken hatte.

Ein anderes Beispiel ist die Melisse. Sie beruhigt (insbesondere das Magennervensystem), ohne müde zu machen, befeuchtet sehr gut – daher für Cholera und Melancholera – und ist eine wichtige Herzpflanze (auch in Kombination mit Weißdorn und Herzgespann), ihr ätherisches Öl wirkt antiviral.

Europäische Heilpflanzenkunde

Die europäische Heilpflanzenkunde kennt viele Verarbeitungs- und Herstellungsmethoden, von Tees über Bäder, Auflagen, Wickel, Extrakte, Tinkturen, Destillation von ätherischen Ölen, spagyrische Essenzen, Sonnen- und Kochmethode nach Dr. Bach bis hin zu Glyzerinauszügen von Knospenpräparaten. Die älteste Anwendung ist der Heiltee. Davon sollte man nicht mehr als drei Tassen täglich trinken. Die Dosierung entspricht dem, was zwischen drei Fingern Platz hat. „Ein Teelöffel ist zu viel“, weiß Dr. Prentner.

Der Heiltee sollte immer nur zwischen zwei und fünf Minuten ziehen, Ausnahme sind Wurzeln und das Zinnkraut, die gekocht werden müssen. „Den Tee sollte man immer süßen, da Honig oder Zucker wie ein ‚Medizinpferd‘ für die Wirkstoffe sind“, betont die Apothekerin. Wie ausgefeilt manche Rezepte sind, erfuhr sie am eigenen Leib. In den berühmten „Mariazeller Magentropfen“ aus ihrer Apotheke sind 26 Kräuter enthalten, die seit 1780 nach einer bestimmten Rezeptur angesetzt werden, u.a. nach den Mondphasen. Die skeptische Wissenschaftlerin hielt sich einmal nicht an die Mondphasen.

Das verblüffende Ergebnis: „Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber die Unterschiede waren mit freiem Auge sichtbar“, schildert sie. So färbte das Sandelholz die Tropfen weniger rotbraun als sonst, und auch die Laboranalysen, die bei jeder Charge gemacht werden müssen, wiesen leicht veränderte Ergebnisse auf. Seitdem hält sich die Apotheken- Chefin wieder exakt an das von Generation zu Generation mündlich überlieferte Rezept.

Gro

1. Symposium für TEM, Veranstalter: Marienschwestern vom Karmel, Linz, Februar 2011

Pflanzen zur Schlafförderung

Wie fein die TEM Heilpflanzen differenziert, zeigt die Behandlung von Schlafstörungen auf Grund verschiedener Ursachen. Neben der Passionsblume (Bild) sind dies z.B.:

* Baldrian: stark ausgebildeter Wurzelstock, sehr geerdet; hilft, wenn man zuviel über das Morgen grübelt
* Hafer: luftigstes Getreide, gut geerdet; hilft, wenn man an das Gestern denkt
* Hopfen: hilft, wenn man keine Grenzen kennt sowie überreizt und überdreht ist

Beitrag veröffentlicht in: Pharmaceutical Tribune 8/2011


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